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„Er hatte keine schöne und edle Gestalt“ (Jes 53, 2)

Skulptur des Künstlers Hubert Grassl in Reichenhalls Spitalkirche

Gedanken von Stadtpfarrer Markus Moderegger

 

Eine befremdliche Skulptur aus Holz des Künstlers Hubert Grassl in der Kirche St. Johann in Bad Reichenhall (Spitalkirche): ein entstelltes Gesicht – entstellt von Krankheit und Schmerzen, gequält, geschlagen und unübersehbar durchbohrt. Warum verbirgt man eigentlich nicht, was hässlich ist, mögen sich manche fragen.

Mal ehrlich: gerne wird verborgen, was nicht dem Ideal unserer Zeit entspricht. Und doch: für uns alle gab es schon den Augenblick des Erschreckens, wenn ein uns bekannter Mensch aus dem Krankenhaus entlassen wird und aussieht, als sei er dem Grabe entstiegen: hohle Wangen, stechender Blick und tiefe Augenhöhlen – ein Abbild des Todes, so dass uns ein kalter Schauer den Rücken hinunterläuft. Ist er oder sie es wirklich oder nicht vielmehr eine unheimliche Gestalt, die unsere Wege kreuzt?

Beim Blick auf diese Skulptur, die ich erstmals im Schuppen des Künstlers sah, kam mir das Bild vom biblischen Gottesknecht des Propheten Jesaja, der uns in den Kartagen begegnet, in den Sinn. Ja, mein Atem stockte und meine Stimmbänder blockierten. Jedoch tönte das Lied vom Gottesknecht in meinem Innern. Die Skulptur rief mir zu: Halte den Anblick aus – bleibe aber nicht an der entstellten Oberfläche hängen. „Er hatte keine schöne und edle Gestalt“ - ja, er wurde von den Menschen gemieden – ja, „er war ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“, werden wir es am Karfreitag hören. Gewiss, aber es geschah um unseretwillen.

In der Holzskulptur hat der Künstler Grassl den maßlosen Schmerz unserer Welt und Zeit in den Stamm einer alten Ulme gehauen. Hier bekommt das Leiden, das uns immer wieder begegnet, Bedeutung. Die dargestellte Person wird zum Bruder oder zur Schwester im Leiden. Wenn sie sich unter Schmerzen auch krümmt, so kann sie dennoch trösten – mehr sogar als Gesunde: ein Mensch der Schmerzen, der unzählige andere im Schmerz tröstet, der oder die Geplagte und Gemarterte – er oder sie wird zum Bruder oder zur Schwester der Leidenden.

Noch was anderes erzählt mir die Holzskulptur bezogen auf den biblischen Gottesknecht: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Leiden – sagen wir ruhig auch Hingabe – für andere! Er oder sie beschwert sich nicht. Er oder sie lässt es geschehen, was andere zufügen. Also nicht ein Mensch, der seine Schäfchen ins Trockene bringt, vielmehr sich selbst einsetzt. Ja, ein Mensch, der nicht irgendwann die Rechnung präsentiert, sondern sie selbst begleicht. Nahezu unvorstellbar in einer Gesellschaft, in der für alles bezahlt werden muss oder Geschäfte mit dem Leid der anderen gemacht wird. Spätestens an dieser Stelle könnten wir vielleicht ins Staunen geraten. Was anfangs Befremden hervorruft, könnte sich in den Ausruf der Verwunderung wandeln. In der Skulptur begegnen wir:

• einem Erfolglosen, dem das Unmögliche gelingt;

• einem Entstellten, der alles an die richtige Stelle bringt;

• einem Kranken und Leidenden in unserer Spitalkirche, der heilt;

• einem Geschlagenen, der tröstet;

• einem Sterbenden, der Leben verbreitet;

• einem Entwürdigten, der Würde ausstrahlt;

• einem, von dem Kraft für mich ausgehen kann wie von keinem sonst.

Die Skulptur kann in der St. Johann Kirche (Spitalkirche) täglich von 8.00 Uhr bis 17.30 Uhr betrachtet und meditiert werden. Alle sind herzlich eingeladen, eigene Gedanken in einem beigelegten Buch niederzuschreiben.

(Stadtpfarrer Markus Moderegger)

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